Der Tatort war bereits abgesperrt als wir eintrafen. Ein Herr mit hohem Zylinder und dickem Schal erwartete uns:
"Eine komische Sache. Die einzigen Fußspuren, die wir finden konnten, sind die von einem Reh oder Hirsch."
Ich wollte Emil den grausigen Anblick ersparen - sein sensibles Gemüt hält sowas mit Sicherheit nicht aus - und begutachtete den Leichnam alleine.
Der Tote war männlich, und neben ihm im Schnee lag ein Gewehr. Aha, also ein Typ, der irgendein unschuldiges, wehrloses Tier hatte abknallen wollen. Auf sowas steh' ich ja gar nicht. An seinem Kopf befand sich getrocknetes Blut, das ebenfalls den Schnee um seinen Schädel herum tränkte. Am Oberschenkel sah man deutlich Kratzspuren, wie von einem Raubtier. Und tatsächlich stammten die einzigen Spuren um den Mann herum von Hufen.
Das war eine eindeutige Sache: wir brauchten Verstärkung! Ich zückte mein Fernkommunikationsgerät, kurbelte einen Moment und tippte dann lediglich auf eine Zahl. Die Verbindung wurde aufgebaut, das verriet mir das Knarzen und Garksen. Dann eine Stimme am anderen Ende der Leitung:
"Hey Sweetie!" Leiser, vom Telefon abgewandt: "Sammy, es ist Sweetie!"
"Hi Misses!" jetzt die zweite Stimme.
"Hey Jungs," sagte ich und sparte mir jegliches Geplänkel. Ich kam gleich zur Sache und schilderte den Fall.
"Wir sind schon unterwegs," hörte ich Dean noch sagen, ehe er auflegte.
Natürlich dauerte es eine Weile, bis meine Winchester-Brüder uns erreichten. Derweil war die Leiche in die Pathologie transportiert worden. Und genau dort trafen wir uns. Emil blieb an der Tür stehen und sondierte die Lage aus sicherer Entfernung. Sozusagen.
"Also, was gibt's?" fragte Dean und wollte schon seinen gefälschten FBI-Ausweis aus der Tasche seines Sakkos zücken. Ich schüttelte den Kopf, er räusperte sich und ließ die Hand wieder sinken.
"Der Gerichtsmediziner sagt, der Mann wäre erschlagen worden, ehe man ihn angegriffen habe."
Ich gestehe, das ich mich etwas abwandte, als Sam das Tuch beiseite zog, das den toten Körper bedeckte. Ich hörte das Klatschen der Einweghandschuhe beim Überstreifen. Sam ließ sie irgendwie immer so schnalzen.
"Wie wär's wenn ihr den Tatort sichtet, und ich schaue mir die Leiche etwas genauer an? Vielleicht kann ich noch andere Spuren entdecken," schlug Sam vor.
"Alles klar," sagte ich. "Ich freu' mich auch, dich zu sehen."
Sam grinste etwas schief und machte sich an die Arbeit.
Dean und ich verließen die Leichenhalle, während der Funkelstein unbehaglich bei Sam zurückblieb. Er tat mir schon etwas leid, der gute Emil.
Beim Anblick unseres Vehikels, das uns von nun an von Ort zu Ort bringen würde, verzog Dean das Gesicht und konnte sich ein: "echt jetzt?" nicht verkneifen. Da würde er sich wohl dran gewöhnen müssen. Allerdings gefiel ihm der Name, den ich meinem Reisegefährt verpasst hatte: Winpala.
"Gibt's hier irgendwo Kuchen?" fragte Dean und rieb sich die Hände. Da es eine echt frostige Begrüßung gewesen war, beziehungsweise ein frostiges Wiedersehen mit meinen Zieh-Brüdern, konnte ein wenig inneres und äußeres Aufwärmen nicht schaden. Und so steuerte ich zielstrebig ein Café an, das so ziemlich alles bot, was das Kuchen- und Schleckermäulchen-Herz begehrte.
Wir setzten uns ans Fenster, und ich betrachtete einen Moment die eingeschneite Landschaft des Ortes. Der Chamäleon-Modus unseres Vehikels funktionierte bestens; man konnte es kaum in all dem kalten Weiß erkennen.
"Und wie geht's dir so?" wollte Dean wissen, nachdem wir bestellt hatten.
"Äußerst gut," nickte ich.
"Und Emil und du... ?" Er zwinkerte grinsend.
Darauf konnte ich nur zurückzwinkern. "Nichts Genaues weiß man nicht."
"Ah... ah!" Als hätte er eine Erleuchtung, zwinkerte er wieder.
Als der Kuchen kam, hauten wir ordentlich rein, aber so richtig ordentlich. Ich weiß nicht, wer von uns die dickeren Backen hatte. Wäre der Emil bei uns gewesen, hätte der Platz auf dem Tisch nicht ausgereicht.
Als der letzte Krümel verschlungen war, wischte Dean sich den Mund ab und fragte, noch kauend: "Hufspuren also?"
Ich nickte.
"Ja, wie von einem Hirsch oder Reh."
"Und Kratzspuren? Keine Bisspuren?"
"Weiß ich nicht so ganz genau, aber es sah für mich nicht so aus, als hätte der Täter versucht, die Leiche zu fressen."
"Okay, dann auf zum Tatort?"
Ich nickte. Wir zahlten und machten uns auf den Weg.
Im Wagen bimmelte Deans Telefon. Sammy hatte so einige interessante Neuigkeiten für uns:
"Das Opfer wurde zwar von einem Tier zerkratzt, aber die Todesursache war ein Schlag auf den Kopf. Er ist daran verblutet. Bisswunden gibt es keine. Seine Kleidung war zerrissen, also zumindest seine Hose. Ich weiß, das klingt verrückt, aber es sieht so aus, als hätte der Mörder etwas in der Kleidung gesucht."
"Das klingt allerdings verrückt," bestätigte Dean. "Wir treffen uns am Tatort."
"Alles klar."
Und das taten wir. Während Dean und ich uns die Beine in den Bauch standen und auf Emil und Sam warteten, dämmerte es bereits. Ich muss gestehen, das ich nicht erpicht darauf war, mich bei Dunkelheit in einem verschneiten Wald aufzuhalten und nach einer Bestie zu suchen, die weiß der Geier was sein konnte. Dem hatte ich ja nun schon vor einiger Weile abgeschworen.
Schließlich standen wir zu viert an der Stelle, an der die Leiche gefunden worden war, und untersuchten die Spuren.
"Die Spuren sind nicht von einem Hirsch oder Reh," sagte Emil plötzlich in die unheimliche Stille der sich immer schneller nähernden abendlichen Dunkelheit.
"Ach nein?" wollte Sam wissen.
"Nein, das sind eindeutig Ziegenspuren. Und hier, seht mal: das sind Haare."
Wir beleuchteten Emils Fund mit unseren Beleuchtungsgerätschaften.
"Das ist Fell," sagte Sam und reichte den pelzigen Fund herum.
"Tatsache," sagte ich. "Sowas habe ich eine Weile nicht mehr gesehen."
Die Brüder sahen mich erstaunt an.
"Warte, du meinst, du kennst sowas?"
Ich winkte ab, fast verlegen aufgrund der Aufmerksamkeit. "Klar, sowas gibt's hierzulande immer mal. Emil und ich waren vor einigen Monaten auf dem Mitternachtsjahrmarkt, und haben die Bekanntschaft von Barabajagl gemacht. Er ist ein Faun und hat ebensolches Fell."
"Ein Faun?" Dean musste sich ein Lachen verkneifen. "Du meinst so einer mit Panflöte und Hufen... ?"
"Hufe, genau. Keine Panflöte," merkte Emil streng an.
"Und meinst du, er könnte unser Täter sein?"
"Natürlich nicht!" rief Emil entsetzt dazwischen. "Aber er hat ähnliches Fell."
"Also suchen wir nach einem Faun?" Dean zog eine Augenbraue hoch.
Einen Moment herrschte Schweigen, dann sagte ich:
"Nein, aber eine ähnliche Kreatur, die allerdings Krallen besitzt."
"Okay, was suchen wir dann? Einen Werwolf mit Hufen? Ich meine, ist das hier sowas wie die Insel des Dr. Moreau?" Dean war ungehalten.
"Es sieht aus wie die Haare, die ich an den Wunden am Oberschenkel entdeckt habe. Also stammen diese Haare hier vom Mörder," ergänzte Sam.
"Also was jetzt: geben wir die Haare noch ins Labor zum Abgleich?" wollte Dean wissen. "Ich könnte jetzt nämlich mal ein Bier vertragen. Und eine Heizung."
"Das ist wohl das Beste," sagte Sam. "Und nein: kein Werwolf. Das Herz ist noch drin, und sonst fehlen auch keine Organe."
So beendeten wir unsere Ermittlung für diesen Tag. War mir recht, und Emil sah auch richtig erleichtert aus.
Sammy hatte sich zur Recherche im Motelzimmer niedergelassen, während der Funkelstein, Dean und ich uns einen zur Brust nahmen. Emil hatte erstaunlicherweise nicht so den Zug, und wollte sich nach einigen Runden verabschieden, als just in dem Moment mein Fernkommunikationsgerät klingelte. Dran war Inspektor Rederiksen, eben jener Herr mit hohem Zylinder, der Emil und mich zu dem Fall hinzugezogen hatte. Und er teilte mir ein äußerst interessantes Detail des Falles mit.
Ich liebe es! 😍
AntwortenLöschenDanke, ich ebenso. Ist irgendwie geil, oder? So als Hunter! 😍
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